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Tami

Tami

I'd do nothing but reading if I could (ok, maybe eat some great food, buy some fancy shoes between two books...oh, and spend some quality time with the gorgeous guy I married while I am on reading-break anyway...)

Currently reading

Ghosts of Empire (Book 4 of The Empire of Bones Saga)
Terry Mixon
The Handmaid's Tale
Margaret Atwood
Trek Science - mit Warpgeschwindigkeit in die Zukunft? (German Edition)
Inga Nielsen, Stefan Thiesen

Gut geschriebener Roman, der für mich nicht funktioniert.

Die Frau auf der Treppe - Bernhard Schlink

Der Protagonist ergibt noch am meisten Sinn. Die Frau auf der Treppe, Irene, gar nicht.

 

Die zwei Männer, die sich vordergründig um Irene und das Bild von ihr streiten, auch nicht wirklich. Ihr Ehemann und ihr Liebhaber, der Maler des besagten Bildes.

 

Durch die kurze, ziemlich gehetzte Reise durch zwei Episoden im Leben des erfolgreichen, gealterten Rechtsanwalts, wird eine große Leidenschaft oder sogar Liebe zu dieser ach so faszinierenden Frau ausgebreitet. Eine Liebe, die auf ein paar Begegnungen als der Anwalt noch jung und dumm (=naiv)  und sie jung und schön (sowie manipulativ) war, beruht. Die der Anwalt im Alter endlich ausleben kann. Als einzig treuer Verehrer der selbstgerechten und egozentrischen Irene, die gealtert und nun todkrank sich noch einmal verführerisch fühlen will (?) - jedenfalls das kleine Drama von damals um das Bild und sie selbst noch einmal auflegen will. Das ganze nur mäßig erfolgreich.

Weil es damals nur um das Ego der zwei Streithähne ging und in der Neuauflage ebenso.

 

Irene hat mir weder leid getan noch fand ich sie im geringsten sympathisch. 

 

Ihr politisches Engagement (wohl links?) in den 60er/70er Jahren ist für jemanden aus ihrer Schicht nichts ungewöhnliches und ihre Ansichten nicht besonders klug und auch nicht weltbewegend.

 

Nur weil Sätze mit Bedacht geäußert und wohl formuliert sind, macht sie das noch lange nicht zur absoluten Wahrheit. Ihre Analyse, für welchen Mann sie welche Rolle dargestellt hat, hat mich in ihrer Einfachheit ein bisschen geärgert. Für jemand, der zu einer Zeit jung war, als die Emanzipation das Land dann doch schon erreicht hatte, ist das eine sehr antiquierte und auch dumme Einstellung. Es zählt doch nicht, in welche Rolle die Männer eine Frau stecken wollen. Es zählt, was sie aus sich und ihrem Leben macht. In Irenes Fall eine dumme Schnitzeljagd und aufgewärmte Flirts mit ihrer "anrüchigen" Vergangenheit.

 

Aussteigen mit Platin-Kreditkarte ist keine große Kunst.

 

Ich fand es auch reichlich unverschämt, von dieser Tochter aus reichem Hause, die es sich leisten konnte, ihr ganzes Leben nicht arbeiten zu gehen, sondern schön von Geerbtem zu leben oder eben vom Geld ihres Ehemannes, sich als linke Revolutionärin zu gerieren. Das ist heuchlerisch und peinlich.

Ihr Satz gegenüber dem Protagonisten, dass er nichts richtig hätte machen können, weil er nicht "der richtige Mensch" war - nämlich auf Karriere und Fortkommen bedacht, spießig und sich Autoritäten und Regeln beugend, klingt in diesem Zusammenhang unerträglich besserwisserisch. Dass er Bestätigung durch seinen materiellen Erfolg anstrebt, ist nicht so verschieden von ihrer unreife Sehnsucht nach Bewunderung und Beachtung für ihre "Einzigartigkeit".

 

Am Ende habe ich keine der Figuren als besonders einprägsam oder interessant wahrgenommen. Am ehesten konnte ich noch mit dem Protagonisten fühlen, der in seiner Kindheit in einer starren und wenig liebevollen Umgebung nicht gelernt hat, sich selbst und seine Gefühle mit anderen zu teilen. 

Besonders neu und aufregend ist das aber leider nicht.